Netzentgelte machen bei vielen Unternehmen 20-30% der gesamten Stromkosten aus. Anders als bei der reinen Energiebeschaffung werden diese Kosten oft nicht aktiv optimiert – ein teurer Fehler. Die gute Nachricht: Es gibt mehrere legale Hebel, um Netzentgelte deutlich zu reduzieren.
In diesem Artikel erfahren Sie:
- Wie sich Netzentgelte zusammensetzen und warum der Leistungspreis oft der größte Hebel ist
- Welche 5 praxiserprobten Strategien Ihre Netzkosten senken
- Welche regulatorischen Sonderregelungen Sie nutzen können
Was sind Netzentgelte und wie setzen sie sich zusammen?
Netzentgelte sind die Gebühren, die Stromkunden an den Netzbetreiber für die Nutzung des Stromnetzes zahlen. Diese Kosten werden über den Stromlieferanten abgerechnet und erscheinen auf Ihrer Stromrechnung.
Bestandteile der Netzentgelte
| Komponente | Anteil | Berechnung |
|---|---|---|
| Leistungspreis | 40-60% | Höchste gemessene Leistung im Jahr (kW) × €/kW |
| Arbeitspreis | 30-40% | Verbrauchte Strommenge (kWh) × ct/kWh |
| Messstellenbetrieb | 5-10% | Pauschal pro Zähler |
| Umlagen & Abgaben | 10-20% | Konzessionsabgabe, KWK-Umlage, etc. |
Der Leistungspreis ist der entscheidende Ansatzpunkt für Optimierungen. Er wird anhand der höchsten 15-Minuten-Leistungsspitze im gesamten Jahr berechnet. Eine einzige Lastspitze im Januar bestimmt also die Netzentgelte für das gesamte Jahr.
Praxis-Beispiel: Ein produzierendes Unternehmen mit 2.000 kW Jahreshöchstlast zahlt bei einem Leistungspreis von 80 €/kW allein 160.000 € pro Jahr an Leistungskosten. Eine Reduktion um 200 kW spart sofort 16.000 € jährlich.
Strategie 1: Lastspitzenmanagement implementieren
Die effektivste Methode zur Netzentgeltreduzierung ist das aktive Management von Lastspitzen. Jede vermiedene Kilowatt-Spitze spart bares Geld.
Lastspitzen identifizieren
Bevor Sie optimieren können, müssen Sie Ihre Lastspitzen kennen:
- Lastganganalyse: Fordern Sie den 15-Minuten-Lastgang vom Netzbetreiber an (kostenlos)
- Muster erkennen: Wann treten Spitzen auf? Schichtbeginn? Produktionsstart? Klimaanlage im Sommer?
- Verursacher finden: Welche Verbraucher treiben die Spitzen? Kompressoren, Öfen, Kühlhäuser?
Maßnahmen zur Lastspitzenreduktion
| Maßnahme | Umsetzungsaufwand | Einsparpotenzial |
|---|---|---|
| Zeitversetzte Starts großer Verbraucher | Gering | 5-15% |
| Automatisches Lastabwurfmanagement | Mittel | 10-25% |
| Produktionsplanung anpassen | Mittel | 5-20% |
| Batteriespeicher für Spitzenkappung | Hoch | 15-30% |
Praktische Umsetzung
- Anfahrsequenzen definieren: Große Verbraucher zeitversetzt einschalten
- Priorisierung festlegen: Welche Verbraucher können kurzzeitig abgeschaltet werden?
- Lastabwurf automatisieren: Energiemanagementsysteme schalten bei Grenzwert automatisch
- Monitoring einrichten: Echtzeit-Überwachung der aktuellen Last
Einsparpotenzial: Durch systematisches Lastspitzenmanagement sind 15-25% Reduktion der Leistungskosten realistisch – ohne Produktionseinschränkungen.
Strategie 2: Atypische Netznutzung beantragen (§19 Abs. 2 StromNEV)
Die Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV) sieht Entlastungen für Unternehmen vor, die das Netz außerhalb der Hochlastzeiten nutzen.
Voraussetzungen für atypische Netznutzung
Um von reduzierten Netzentgelten zu profitieren, muss Ihr Unternehmen nachweisen, dass es:
- Mindestens 7.000 Benutzungsstunden pro Jahr erreicht, ODER
- Die Jahreshöchstlast außerhalb der Hochlastzeitfenster des Netzbetreibers liegt
Die Hochlastzeitfenster werden vom jeweiligen Netzbetreiber definiert – typischerweise an Werktagen zwischen 11:00 und 13:00 Uhr sowie 17:00 und 20:00 Uhr.
Wie hoch ist die Ersparnis?
| Kriterium | Reduktion Netzentgelt |
|---|---|
| 7.000+ Benutzungsstunden | Individuell berechnet |
| Hohe Gleichzeitigkeit zur Niedriglast | Bis zu 80% Reduktion |
| Kombination beider Kriterien | Maximale Entlastung |
Antragstellung
- Lastgangdaten aufbereiten: Nachweis des atypischen Verbrauchsverhaltens
- Antrag beim Netzbetreiber: Formular und Nachweise einreichen
- Frist beachten: Antrag muss bis 30. September für das Folgejahr gestellt werden
- Jährliche Neubeantragung: Der Status muss jedes Jahr nachgewiesen werden
Praxis-Tipp: Schichtbetriebe, Rechenzentren und Kühlanlagen profitieren oft von dieser Regelung, ohne ihr Verhalten ändern zu müssen.
Strategie 3: Individuelle Netzentgelte für Großverbraucher (§19 Abs. 2 Satz 1 StromNEV)
Stromintensive Unternehmen können stark reduzierte, individuell berechnete Netzentgelte beantragen.
Voraussetzungen
- Jahresverbrauch: Mindestens 10 GWh an einer Abnahmestelle
- Benutzungsstunden: Mindestens 7.000 Stunden pro Jahr
Berechnung der Reduktion
Die Reduktion erfolgt nach einer Formel, die den Beitrag zur Netzstabilität berücksichtigt. Bei Erfüllung aller Kriterien sind Reduktionen von 80-90% der Netzentgelte möglich.
| Benutzungsstunden | Typische Reduktion |
|---|---|
| 7.000-7.500 | 80% |
| 7.500-8.000 | 85% |
| > 8.000 | bis zu 90% |
Wichtig zu wissen
- Diese Regelung gilt nur für sehr große Verbraucher
- Die Privilegierung wird durch die KWKG-Umlage teilweise finanziert
- Politische Änderungen sind möglich – Entwicklungen beobachten
Strategie 4: Eigenstromerzeugung zur Spitzenkappung nutzen
Eigenerzeugte Energie aus PV-Anlagen oder Blockheizkraftwerken (BHKW) reduziert nicht nur die Energiekosten, sondern kann gezielt zur Netzentgeltoptimierung eingesetzt werden.
PV-Anlage für Netzentgeltoptimierung
Photovoltaik-Anlagen erzeugen tagsüber Strom – oft genau dann, wenn auch die Lastspitzen auftreten. Der Eigenverbrauch reduziert die Bezugsleistung aus dem Netz.
Vorteile:
- Direkte Reduktion der Netz-Bezugsleistung
- Einsparung bei Netzentgelten UND Energiekosten
- Keine Netzentgelte auf selbst erzeugten und verbrauchten Strom
BHKW-Einsatz optimieren
Blockheizkraftwerke können gezielt zur Spitzenkappung gefahren werden:
- Wärmegeführter Betrieb: BHKW läuft nach Wärmebedarf – Stromproduktion als Nebeneffekt
- Stromgeführter Betrieb: BHKW wird gezielt bei drohenden Lastspitzen gestartet
- Kombinierter Betrieb: Intelligente Steuerung nach beiden Kriterien
Batteriespeicher als Ergänzung
| Einsatzzweck | Speichergröße | Typische Amortisation |
|---|---|---|
| Reine Spitzenkappung | 1-2 Stunden Spitzenlast | 5-8 Jahre |
| PV-Eigenverbrauchsoptimierung | 0,5-1 kWh pro kWp PV | 8-12 Jahre |
| Kombinierte Nutzung | Projektabhängig | 4-7 Jahre |
Einsparpotenzial: Kombination aus PV-Anlage und intelligenter Steuerung kann die Netz-Bezugsleistung um 20-40% reduzieren.
Strategie 5: Netzentgelt-Audit durch Experten
Viele Unternehmen zahlen mehr Netzentgelte als nötig – oft ohne es zu wissen. Ein professionelles Audit deckt diese Potenziale auf.
Was wird geprüft?
- Tarifzuordnung: Sind Sie im optimalen Netzentgelttarif?
- Leistungsmessung: Ist die vertraglich vereinbarte Leistung korrekt?
- Sonderregelungen: Nutzen Sie alle zustehenden Privilegierungen?
- Abrechnungsfehler: Stimmen Messwerte und Berechnungen?
- Messkonzept: Ist die Messstellenanordnung optimal?
Typische Befunde
| Problem | Häufigkeit | Einsparpotenzial |
|---|---|---|
| Falscher Tarif (z.B. Niederspannung statt Mittelspannung) | 15% | 10-20% |
| Nicht beantragte Sonderregelungen | 30% | Bis zu 80% |
| Überdimensionierte Vertragsleistung | 25% | 5-15% |
| Abrechnungsfehler | 10% | Rückerstattung + laufende Korrektur |
| Ungünstiges Messkonzept | 20% | 5-10% |
Ablauf eines Netzentgelt-Audits
- Datenerfassung: Stromrechnungen, Lastgänge, Verträge sammeln
- Analyse: Vergleich mit optimalen Konditionen und Benchmarks
- Potenzialermittlung: Quantifizierung der Einsparmöglichkeiten
- Maßnahmenplan: Priorisierte Handlungsempfehlungen
- Umsetzungsbegleitung: Unterstützung bei Anträgen und Verhandlungen
Praxis-Beispiel: Ein mittelständischer Industriebetrieb mit 4 GWh Jahresverbrauch konnte durch ein Netzentgelt-Audit die jährlichen Kosten um 47.000 € reduzieren – durch Wechsel in die Mittelspannung und Beantragung atypischer Netznutzung.
Fazit: Netzentgelte systematisch optimieren
Netzentgelte bieten erhebliches Einsparpotenzial, das viele Unternehmen nicht ausschöpfen. Die effektivste Vorgehensweise kombiniert mehrere Strategien:
Sofort umsetzbar:
- Lastganganalyse durchführen und Spitzen identifizieren
- Zeitversetzte Starts großer Verbraucher einführen
- Prüfen, ob atypische Netznutzung beantragt werden kann
Mittelfristig (6-12 Monate):
- Lastspitzenmanagement-System implementieren
- Eigenstromerzeugung (PV, BHKW) planen
- Messkonzept und Tarifzuordnung prüfen lassen
Langfristig:
- Batteriespeicher für Spitzenkappung evaluieren
- Bei Wachstum: Mittelspannungsanschluss prüfen
- Kontinuierliches Monitoring etablieren
Ihr nächster Schritt
Eine fundierte Netzentgeltoptimierung beginnt mit der Analyse Ihrer aktuellen Situation. Wo stehen Sie heute? Welche Sonderregelungen könnten für Sie gelten?
Wir unterstützen Sie mit:
- Analyse Ihrer Lastgänge und Netzentgeltabrechnungen
- Prüfung aller anwendbaren Privilegierungen
- Begleitung bei Anträgen nach §19 StromNEV
- Implementierung von Lastspitzenmanagement
Vereinbaren Sie ein unverbindliches Erstgespräch – wir identifizieren Ihre konkreten Einsparpotenziale.
Dieser Artikel wird regelmäßig aktualisiert. Stand: Januar 2026