Handelsunternehmen mit mehreren Standorten stehen vor einer besonderen Herausforderung: Energiekosten müssen gesenkt werden, aber der Kundenkomfort darf nicht leiden. Schlecht beleuchtete Verkaufsräume oder zu warme Kühlregale sind keine Option. Die gute Nachricht: Mit den richtigen Strategien lassen sich 15-30% der Energiekosten einsparen, während die Servicequalität sogar steigt.
In diesem Artikel erfahren Sie:
- Wie Sie durch Lieferstellenbündelung bessere Einkaufskonditionen erzielen
- Welche 6 praxiserprobten Hebel Ihre Energiekosten an allen Standorten senken
- Wie Sie Einsparpotenziale identifizieren, ohne jeden Standort einzeln analysieren zu müssen
Die Herausforderung: Viele Standorte, ein Kostenblock
Ob Supermarktkette, Bekleidungsfilialisten, Baumarkt oder Logistikunternehmen mit mehreren Depots – die Energiesituation ist oft ähnlich:
| Standorttyp | Typische Energieverbraucher | Jahresverbrauch (Beispiel) |
|---|---|---|
| Einzelhandelsfiliale | Beleuchtung, Klimatisierung, Kühlung | 150.000-400.000 kWh |
| Supermarkt | Kühlmöbel, Tiefkühltruhen, Beleuchtung | 400.000-1.000.000 kWh |
| Depot/Lager | Beleuchtung, Heizung, Flurförderfahrzeuge | 100.000-500.000 kWh |
| Logistikzentrum | Kühlung, Fördertechnik, Beleuchtung | 500.000-3.000.000 kWh |
Bei 20, 50 oder 100 Standorten summieren sich selbst kleine Ineffizienzen zu erheblichen Mehrkosten. Gleichzeitig fehlt oft der Überblick: Welcher Standort verbraucht zu viel? Wo sind die größten Potenziale?
Hebel 1: Lieferstellenbündelung für bessere Konditionen
Der wirkungsvollste Hebel für Multi-Standort-Unternehmen liegt im Einkauf: Die Bündelung aller Lieferstellen zu einem Rahmenvertrag.
Warum Bündelung so effektiv ist
- Volumenrabatte: 10 Standorte mit je 200.000 kWh sind 2 GWh – eine relevante Menge für Energieversorger
- Verhandlungsmacht: Ein Vertrag für alle Standorte ist attraktiver als viele Einzelverträge
- Synchonisierte Laufzeiten: Alle Verträge enden gleichzeitig, maximale Flexibilität bei Neuverhandlungen
- Reduzierter Aufwand: Eine Rechnung, ein Ansprechpartner, ein Vertrag
So funktioniert die Umsetzung
- Bestandsaufnahme: Alle Lieferstellen mit Jahresverbrauch und Vertragslaufzeiten erfassen
- Synchronisierung planen: Verträge auf ein gemeinsames Ende-Datum ausrichten
- Gebündelt ausschreiben: Gesamtmenge bei mindestens 3-5 Anbietern anfragen
- Rahmenvertrag verhandeln: Mit Einzelabrufen pro Standort und flexibler Mengenanpassung
Praxis-Beispiel: Eine Einzelhandelskette mit 35 Filialen bündelte ihren Stromverbrauch von insgesamt 12 GWh. Die gebündelte Ausschreibung erzielte einen 18% günstigeren Arbeitspreis gegenüber den bisherigen Einzelverträgen – Jahresersparnis: 156.000 €.
Herausforderungen bei der Bündelung
| Hürde | Lösung |
|---|---|
| Unterschiedliche Vertragslaufzeiten | Schrittweise Synchronisierung über 2-3 Jahre |
| Standorte in verschiedenen Netzgebieten | Kein Problem – Rahmenverträge gelten bundesweit |
| Neue/geschlossene Filialen | Flexible Vertragsgestaltung mit Mengenkorridoren |
| Kein interner Überblick | Externe Energieberatung für Bestandsaufnahme |
Hebel 2: Zentrales Energiemonitoring & Benchmarking
Ohne Daten keine Optimierung. Ein zentrales Monitoring-System schafft Transparenz über alle Standorte.
Was ein Monitoring-System leistet
- Verbrauchserfassung: Automatisierte Ablesung aller Zähler (Strom, Gas, Wasser)
- Benchmark-Vergleiche: Filialen untereinander vergleichen (kWh/m², kWh/Umsatz)
- Alarmfunktionen: Sofortige Benachrichtigung bei Abweichungen
- Reporting: Automatisierte Berichte für Management und Controlling
Einfacher Einstieg: Kennzahlen-Benchmarking
Auch ohne aufwendiges Monitoring-System können Sie Ihre Standorte vergleichen:
| Kennzahl | Berechnung | Benchmark Einzelhandel |
|---|---|---|
| Energieintensität | kWh / m² Verkaufsfläche | 150-300 kWh/m²·Jahr |
| Energieumsatz-Verhältnis | kWh / 1.000 € Umsatz | 15-40 kWh/1.000 € |
| Grundlast-Anteil | Nachtverbrauch / Tagesverbrauch | < 30% |
Ausreißer identifizieren
Sortieren Sie Ihre Standorte nach Energiekennzahl. Die oberen 20% (höchster Verbrauch pro m²) haben das größte Optimierungspotenzial. Typische Ursachen für Ausreißer:
- Veraltete Kühlmöbel oder Klimaanlagen
- Defekte Türschließer oder Dichtungen
- Fehlende Nachtabsenkung
- Falsches Nutzerverhalten
Praxis-Tipp: Starten Sie mit einer einfachen Excel-Übersicht Ihrer Top-20-Standorte nach kWh/m². Die auffälligsten 3-5 Standorte zuerst prüfen.
Hebel 3: Beleuchtungsoptimierung ohne Komfortverlust
Beleuchtung macht im Handel 30-50% des Stromverbrauchs aus. Die Umstellung auf LED ist der effektivste Einzelhebel.
LED-Umstellung im Handel
| Ausgangssituation | LED-Ersatz | Einsparpotenzial |
|---|---|---|
| Leuchtstoffröhren T8 | LED-Röhren oder neue Leuchten | 40-60% |
| Halogen-Strahler | LED-Spots | 70-80% |
| Metalldampflampen (Hallenbeleuchtung) | LED-Hallenstrahler | 50-70% |
Mehr als nur Lampentausch
Eine echte Beleuchtungsoptimierung geht weiter:
- Lichtsteuerung: Präsenzmelder für Lager, Sozialräume, WC
- Tageslichtnutzung: Dimmen bei ausreichend Tageslicht
- Zonenkonzept: Unterschiedliche Beleuchtungsstärken für Verkauf, Lager, Parkplatz
- Wartung: Verschmutzte Leuchten verlieren 20-30% Lichtleistung
Kundenkomfort beachten
Im Verkaufsraum gelten besondere Anforderungen:
- Mindest-Beleuchtungsstärke: 300-500 Lux im Verkaufsbereich
- Farbwiedergabe: CRI > 80 für Bekleidung und Lebensmittel
- Akzentbeleuchtung: Hochwertige Waren gezielt inszenieren
- Blendfreiheit: Besonders an Kassen und Beratungszonen
Einsparpotenzial: LED-Umstellung mit intelligenter Steuerung spart 40-60% der Beleuchtungskosten – bei besserer Lichtqualität als zuvor.
Hebel 4: Klimatisierung & Kühlung effizient steuern
Kühl- und Klimatechnik sind in Supermärkten und Logistikzentren die größten Stromverbraucher. Hier liegen erhebliche Einsparpotenziale.
Klimatisierung im Einzelhandel
| Maßnahme | Aufwand | Einsparpotenzial |
|---|---|---|
| Solltemperatur anpassen (22→24°C) | Gering | 10-15% |
| Nachtabsenkung/-abschaltung | Gering | 15-25% |
| Türschließer/Luftschleier | Mittel | 10-20% |
| Frequenzgeregelte Ventilatoren | Mittel | 20-30% |
| Wärmerückgewinnung | Hoch | 15-25% |
Kältetechnik optimieren
Supermärkte und Logistiker mit Kühlbedarf sollten folgende Punkte prüfen:
- Kühlmöbel mit Türen/Hauben: Spart 30-40% gegenüber offenen Kühlregalen
- Verdichter mit Frequenzumrichter: Anpassung an tatsächlichen Bedarf
- Verflüssiger-Reinigung: Verschmutzung erhöht Stromverbrauch um 10-20%
- Abwärmenutzung: Wärme aus Kälteanlagen für Warmwasser oder Heizung
Kundenkomfort wahren
Temperaturänderungen müssen behutsam umgesetzt werden:
- Verkaufsraum: 20-22°C im Winter, 24-26°C im Sommer (mit Klimaanlage)
- Eingangsbereiche: Luftschleier statt offener Türen bei Klimatisierung
- Kommunikation: Schilder wie “Für Ihr Wohlbefinden klimatisiert” schaffen Akzeptanz
Praxis-Beispiel: Eine Supermarktkette rüstete 45 Filialen mit Glastüren an Kühlregalen nach. Investition: 1,8 Mio. €. Jährliche Einsparung: 520.000 € – Amortisation unter 4 Jahren.
Hebel 5: Gebäudeautomation & Smart Building
Intelligente Gebäudetechnik ermöglicht die zentrale Steuerung und Optimierung aller Standorte.
Was Gebäudeautomation leistet
- Zentrale Steuerung: Alle Filialen von einer Leitwarte aus überwachen und steuern
- Automatische Optimierung: KI-basierte Regelung von Heizung, Kühlung, Beleuchtung
- Fehlererkennung: Defekte Anlagen werden sofort gemeldet
- Betriebszeiten-Management: Automatisches Ein-/Ausschalten nach Geschäftszeiten
Typische Funktionen für Filialisten
| Funktion | Nutzen |
|---|---|
| Fernzugriff auf GLT | Einstellungen ändern ohne Vor-Ort-Termin |
| Zeitprogramme | Beleuchtung/Klimatisierung an Öffnungszeiten gekoppelt |
| Grenzwertüberwachung | Alarm bei Kühlkettenunterbrechung |
| Energiereporting | Automatisierte Monatsberichte pro Filiale |
| Predictive Maintenance | Wartungsbedarf vorhersagen, Ausfälle vermeiden |
Schrittweise Einführung
Der Aufbau einer zentralen Gebäudeautomation muss nicht in einem Schritt erfolgen:
- Phase 1: Zählerfernauslesung an allen Standorten (Energiemonitoring)
- Phase 2: Wichtigste Anlagen anbinden (Kälteanlagen, Hauptbeleuchtung)
- Phase 3: Vollständige GLT mit automatischer Optimierung
Praxis-Tipp: Starten Sie mit Pilotfilialen. Nach erfolgreicher Erprobung lässt sich das Konzept auf alle Standorte übertragen.
Hebel 6: Standort-Audits und Einsparpotenziale identifizieren
Ein systematisches Audit-Programm identifiziert Potenziale, die im Tagesgeschäft übersehen werden.
Stufenmodell für Multi-Standort-Audits
| Audit-Stufe | Umfang | Geeignet für |
|---|---|---|
| Quick-Check | 2-3 Stunden vor Ort, Checkliste | Alle Standorte als Erstscreening |
| Standard-Audit | 1 Tag, Messungen, Datenanalyse | Standorte mit auffälligen Kennzahlen |
| Detailanalyse | 2-3 Tage, Langzeitmessungen | Größte Standorte, komplexe Anlagen |
Typische Audit-Ergebnisse
Bei Audits in Handelsunternehmen finden wir regelmäßig:
- Beleuchtung an außerhalb der Geschäftszeiten: 5-10% Einsparpotenzial
- Klimaanlagen ohne Nachtabsenkung: 10-15% Einsparpotenzial
- Kühlmöbel-Einstellungen nicht optimal: 10-20% Einsparpotenzial
- Defekte Dichtungen an Türen und Fenstern: 5-10% Wärmeverlust
- Veraltete Heizungspumpen: Tausch gegen Hocheffizienzpumpen spart 70%
Effiziente Audit-Durchführung
Für Unternehmen mit vielen Standorten empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen:
- Kennzahlen-Screening: Alle Standorte nach kWh/m² ranken
- Quick-Checks: Top-20%-Verbraucher vor Ort prüfen
- Maßnahmenliste: Einsparpotenziale quantifizieren
- Priorisierung: Nach Amortisation und Umsetzungsaufwand sortieren
- Rollout: Erfolgreiche Maßnahmen auf weitere Standorte übertragen
Einsparpotenzial: Systematische Standort-Audits identifizieren typischerweise 15-25% Einsparpotenzial – oft mit einfachen Maßnahmen ohne große Investitionen.
Fazit: Energieoptimierung für Handel und Filialisten
Multi-Standort-Unternehmen haben besondere Chancen bei der Energieoptimierung. Die Skaleneffekte – ob beim Einkauf oder bei der Maßnahmenumsetzung – können erheblich sein.
Sofort umsetzbar:
- Lieferstellen-Übersicht erstellen, Bündelungspotenzial prüfen
- Kennzahlen-Vergleich aller Standorte (kWh/m²)
- Zeitschaltuhren und Nachtabsenkung überprüfen
Mittelfristig (6-12 Monate):
- Lieferstellenbündelung bei nächster Vertragsrunde umsetzen
- LED-Umstellung an Standorten mit höchstem Verbrauch starten
- Energiemonitoring-System einführen
Langfristig:
- Gebäudeautomation schrittweise ausbauen
- Kühlmöbel-Modernisierung planen
- Regelmäßiges Audit-Programm etablieren
Ihr nächster Schritt
Eine erfolgreiche Energieoptimierung für Multi-Standort-Unternehmen beginnt mit dem Überblick: Wo stehen Ihre Standorte heute? Welche Quick-Wins lassen sich sofort umsetzen?
Wir unterstützen Sie mit:
- Bestandsaufnahme aller Lieferstellen und Verbräuche
- Benchmark-Analyse Ihrer Standorte
- Lieferstellenbündelung und Ausschreibungsbegleitung
- Standort-Audits und Maßnahmenpriorisierung
Vereinbaren Sie ein unverbindliches Erstgespräch – gemeinsam identifizieren wir die größten Hebel für Ihre Standorte.
Dieser Artikel wird regelmäßig aktualisiert. Stand: Januar 2026